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Es gibt ein Gedicht eines slowenischen Schriftstellers, von dem mein Vater mir als Kind oft erzählt hat. Übersetzt lautet sein Titel „Gerne wäre ich zu Hause geblieben.“ Ich weiß nicht, ob das Gedicht überhaupt existiert. Ich kenne auch nicht den Originaltitel. Ich habe versucht es zu finden. Bisher erfolglos. Ich kann kein Slowenisch. Weder in Wort noch Schrift. Ich spreche auch kein Russisch oder Italienisch. Die Muttersprachen meiner Urgroßeltern und Großeltern sind für mich und meine Geschwister unverständlich. Zu sehr wurde schon bei unseren Großeltern darauf geachtet, dass sie in der Volksschule Deutsch lernen. Ein ordentliches, sauberes Deutsch ohne Akzent oder Sprachfärbung. Die Kärntner Volksschullehrer kannten da kein Pardon.

Einige der aktuell wahlkämpfenden Parteien hätten wohl posthum ihre Freude an ihnen. Ist doch in beinahe jedem Beitrag zur Bildungsdebatte eine der wichtigsten Forderungen der Politiker, dass die Kinder in der Volksschule Deutsch lernen müssen. Mehrsprachigkeit wird als Bedrohung für die Qualität des Bildungssystems, ja für das System überhaupt betrachtet. „In unseren Schulen, da gibt es mittlerweile Klassen, wo über die Hälfte der Kinder zu Hause kein Deutsch mehr sprechen!“ Ein Satz, der immer wieder kommt. Meist vorgetragen mit bebender Stimme. Im Tonfall des Erzähler eines Horrorfilms. Das erinnert an düstere Zeiten. Erst recht in Kärnten, wo die Deutschtümmelei in der Kindheit meiner Familienmitglieder vieles zerstört hat.

Mein Großvater mütterlicherseits war der Sohn eines italienischen Arbeiters und einer Kärntner Bauerntochter mit slowenischen Wurzeln. Er wuchs in St. Ruprecht auf, damals ein Arbeiterbezirk von Klagenfurt. Ein „Glasscherbenviertel“, wie er es immer nannte. Nicht ohne Stolz. Als er in die Volksschule kam, war sein Deutsch nicht ordentlich und rein. Das missfiel der Lehrerin sehr und sie bestrafte ihn oft deswegen. Meinem Großvater war das egal. Die Schule hat ihn wenig interessiert, er lebte nur für die Musik.

Er liebte Jazz und war Schlagzeuger in einer Band. Er hatte viele Freunde, die Deutsch, Slowenisch und Italienisch sprachen. Ganz selbstverständlich. Die Landesgrenzen von Kärnten waren seit jeher ein Fantasiekonstrukt.

Dann kam der Krieg und die Wehrmacht hat ihm die Mehrsprachigkeit ausgetrieben. Das „cha“ am Ende seines Nachnamens wurde eingedeutscht in „cher“. Man schärfte ihm ein, aufzupassen. Er hatte schwarze Haare und dunkle Augen. Das gefiel seinem Kommandanten nicht. Er sprach nach dem Krieg nie wieder Italienisch.

Nicht mit seinen Kindern und nicht mit seinen Enkeln. Wenn wir ihn später baten, ob er für uns ein paar Worte in der Sprache seines Vaters sagen könnte, antwortete er immer dasselbe: „Bellissimi Bambini!“ Dann kniff er uns lachend in die Wangen und das Gespräch war für ihn vorbei. Mehr war aus ihm nicht heraus zu bekommen. Nur wenn sein Lieblingsteam Ferrari Formel 1-Rennen gewann und die italienische Hymne gespielt wurde, sang er sie inbrünstig mit und trommelte den Takt dazu. Fratelli d’Italia!

Mein Vater wuchs bei seinen Großeltern auf. Der Großvater war ein weißrussischer Soldat, der eines Tages genug hatte von Folter, Mord und Totschlag und desertierte. Er verliebte sich in eine Magd aus einer slowenischen Familie, gemeinsam hatten sie acht Kinder und vier Enkelkinder. Zu Hause sprach man eine Mischung aus Russisch, Slowenisch und ein wenig Deutsch. In der Volksschule ebenso, wenn man unter sich war. Meinem Vater wurde immer eingebläut, dass nichts aus ihm werden würde, wenn er nicht gutes, schönes Deutsch spräche. Die anderen Sprachen waren keine Alternative, sie waren etwas Verbotenes. Erst recht kurz nach dem Krieg.

Mein Vater maturierte, begann zu arbeiten und holte nebenher das Studium nach. Er hatte einen guten Job in einem großen Konzern und war ein angesehener Mann. Er sprach selten von seiner Kindheit, erst recht nicht im beruflichen Umfeld. Er hat uns Kindern kein Wort Russisch oder Slowenisch beigebracht, zwei Sprachen die er fließend sprach. „Wozu?“, fragte er dann immer etwas ungehalten. „Das bringt nur Ärger.“ Er hatte keine guten Erinnerungen an seine Mehrsprachigkeit.  „Russen-Bankert“ und „Tschuschen“ waren noch die harmlosesten Ausdrücke, die seine Familie im Dorf zu hören bekommen hatte.

Einmal im Jahr war ein Don Kosaken Ensemble in der Stadt. Mein Vater verpasste keine Vorstellung. Er kaufte sich ihre Platte und hörte sie manchmal am Abend zu Hause, wenn er das Wohnzimmer für sich allein hatte. Er hatte danach immer gerötete Augen. Er fuhr oft nach Slowenien. Manchmal mit uns, oft auch allein. Er hatte dort einen Freund, der Gastwirt war. Die beiden Männer fielen sich zur Begrüßung in die Arme und redeten stundenlang miteinander. Wir verstanden kein Wort. Aber ich habe meinen Vater selten so gesehen wie in dem Lokal seines Freundes. Gelöst, entspannt, fröhlich. Es war so als ob einen Teil, den man von ihm abgeschnitten hatte, plötzlich wieder da war.

Mein Großvater starb im März dieses Jahres kurz vor seinem 90. Geburtstag. Wir hörten eine Nummer von Benny Goodman und schauten ihm zu Ehren gemeinsam das erste Formel 1-Rennen der Saison. Ferrari wurde Zweiter und wir dachten an ihn und weinten.

Mein Vater hatte kurz nach dem Tod meines Großvaters einen schweren Unfall und liegt seitdem im Krankenhaus. Direkt nach dem Unfall konnte er noch sprechen. Er redete wenig und vieles von dem, was er sagte, verstanden wir nicht. Russische und slowenische Worte. Dawai! Preklet! Das sei das Trauma, erklärte uns ein Arzt. Eine andere Ärztin meinte, wir sollten uns  nicht wundern. Mein Vater hätte schwere Hirnschäden, „deshalb red er so komisch.“ Das war ihre Erklärung. Die anderen Sprachen waren für sie der Ausdruck einer ernsten Krankheit. Nun spricht er gar nicht mehr.

Meine Geschwister und ich hätten gerne die Sprachen unserer Vorfahren gelernt. Wir könnten ihre Tagebücher und Briefe lesen, wir könnten besser verstehen, was sie gedacht und gefühlt haben. Wir könnten ihre Sprachen in unseren Berufen gut gebrauchen. Mein Bruder traf nach dem Unfall meines Vaters und dem Tod des Großvaters die Entscheidung, seinen Sohn in den slowenischen Kindergarten zu geben. Der Kleine ist vier und das, was man ein lebhaftes Kind nennt. Er liebt seine Teta sehr und wiederholt zu Hause begeistert, was er alles in der neuen Sprache gelernt hat. Vor Kurzem begleitete er uns ins Krankenhaus zu meinem Vater. Er stand an seinem Bett und krähte aus Leibeskräften: „Ena, dva, tri!“ Und vielleicht haben wir es uns eingebildet, aber für einen Augenblick lächelte mein Vater.

9 thoughts on “Babylon

  1. Ich hatte das Glück, in Dithmarschen zweisprachig aufzuwachsen und in den ersten drei Schuljahren eine Zwergschule zu besuchen, wo die mir wichtigste Lehrerin hochdeutsch UND plattdeutsch konnte. Das war sehr wichtig, als zu der Zeit viel meiner Klassenkameraden nämlich nur PLatt sprachen und Hochdeutsch in der Schule lernen mussten.
    Mein Vater kippt gerade massiv in die Demenz. Vielleicht ganz gut, dass ich immer noch Platt kann.

  2. Pingback: Link(s) vom 20. September 2013 - e13.de

  3. Mmh. Ich bin in Polen geboren und 1987 mit sieben Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen. Deutsch lernte ich schnell. Vor allem auch deswegen, weil ich keine anderen polnischen Kinder zum Spielen hatte.
    Deutsch wurde zu meiner neuen Muttersprache. Da alle meine Großeltern in Polen schon vor mindestens 10 Jahren gestorben sind und ich sonst keine Kontakte zu dem Rest der Familie pflege, staubt mein Polnisch ein. Nur meine Mutter zwingt mich noch mit ihr Polnisch zu reden, aber da schmeiße ich auch ständig deutsche Vokabeln zwischen. Ich fand eigentlich nie einen Vorteil darin Polnisch zu können. Eher hätte ich gerne mal richtig gut Englisch gekonnt oder Spanisch oder irgendeine andere „sinnvolle“ Sprache.
    Hätte ich Kinder, würde ich keinen Sinn darin sehen, ihnen Polnisch beizubringen. Weil ich es als Nieschensprache empfinde. Und weil ich es nicht so gut kann, als dass man von mir lernen sollte.

  4. Pingback: Woanders – diesmal mit dem alten Elbtunnel, einem kleinen Hotel, Skizzen und anderem | Herzdamengeschichten

  5. Pingback: Julie Paradise — Vor der Schule

  6. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt- hat schon Wittgenstein gesagt, und er hatte Recht. Es gibt Wort-Schätze in anderen Sprachen, die ich nicht heben kann, wenn ich sie nicht beherrsche, besondere Redewendungen, die die Realität anders beleuchten als das in meiner Muttersprache möglich ist. Dass man eine Fremdsprache spricht (oder auch eine alte Familiensprache) bedeutet doch nicht, dass man andere, vermeintlich nützlichere nicht noch lernen kann🙂

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