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Geschichten aus der alten Heimat

a fist full of lies, enough to dry my eyes
you always shine on, my country girl
I don’t like where I live, but I love to live with you
wherever you may go I call it home
(Naked Lunch: My Countrygirl) 

Pia (43), Bergbäuerin 

Es geht steil bergauf in Oberkärnten. Wenn Pia mit ihrem Jeep die engen Serpentinen der Dorfstraße hinauf fährt, schließt sie die Fenster auch bei 30 Grad im Schatten. Drinnen wird es stickig, draußen fliegen die Steine der Schotterstrasse gegen den Wagen. Der Lärm ist ohrenbetäubend, sich zu unterhalten schwierig. Dabei ginge es auch komfortabler. Seit ein paar Jahren gibt es einige Kilometer weiter eine asphaltierte Straße, die vom Tal hinauf zu Pias Bergbauernhof und den wenigen Hütten in der Umgebung führt. Doch Pia winkt ab. Ein Umweg. Und dann die Touristen aus dem Tal. Stadtfrack!“ Sie schreit, um sich verständlich zu machen.

Stadtfrack, das sind alle, die nur am Wochenende auf den Berg fahren. Aus Hermagor, Villach, Klagenfurt. Für Pia Orte der Anonymität, der sozialen Kälte, der Einsamkeit. In die man höchstens fährt, wenn etwas Unangenehmes bevor steht. Ein Krankenhausbesuch. Ein Amtsweg. Die Reparatur des Autos. In Wien war die 43-jährige erst zweimal. Als Schülerin und später, um „Das Phantom der Oper“ zu sehen. Eine schöne Reise sei das gewesen. „Aber wie ich die Pack gesehen hab“, den Paß zwischen Steiermark und Kärnten, „war ich auch wieder ganz froh.“ Schwungvoll nimmt sie die nächste Kurve. Der Zeiger des Tachos pendelt sich bei 60 km/h ein.

Die Schotterstraße führt am Dorf vorbei, das unter Pias Bergbauernhof liegt. Pia drosselt das Tempo des Wagens. Stolz zeigt die auf die wenigen Häuser, die gepflegten Vorgärten mit den hölzernen Blumenkisten. Rot-weiß-rot leuchten die Pelargonien von den Balkonen. Sie hält bei der kleinen Kirche des Ortes. Ein weißes Gebäude mit dunklen Holzbalken, schmucklos, schlicht. Eine evangelische Kirche. In dieser Gegend Kärntens bilden die Protestanten die Mehrheit. Während der Gegenreformation flüchteten viele in die steilen, schwer erreichbaren Bergdörfer. Gibt es einen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten? Pia nickt. Bei den evangelischen Bauern könne man im Stall vom Boden essen, so sauber sei es dort. An den Türschildern der einstöckigen Einfamilienhäuser und kleinen Höfe im Ort stehen häufig dieselben beiden Nachnamen. „Eigentlich“, erklärt Pia, „gibts nur zwei große Familien im Dorf. Mit denen jeder von uns verwandt ist.“ Im Winter, fügt sie pragmatisch hinzu, sei man früher eben wochenlang nicht ins Tal gekommen.

Das letzte Stück der Fahrt verläuft ohne nennenswerte Steigung. Pias Bauernhof liegt auf einer Lichtung inmitten des Waldes. Rundherum werfen die hohen Berge lange Schatten auf die Wanderwege. Mit freiem Auge kann man bereits die Baumgrenze erkennen. Pia beginnt damit die Lebensmittel auszuladen. Am Hof betreibt sie eine Gastwirtschaft, in der es Produkte aus eigener Erzeugnis gibt. Käse, Butter, Topfen, Speck. Alles, was die Tiere eben so hergeben. Pias Mutter steht in der Küche des Wirtshauses. Pia serviert. Manchmal müssen ihre 10-jährigen Zwillingstöchter mithelfen. Vor allem im Sommer, wenn die meisten Wanderer am Hof Rast machen. Im Winter holt die Familie dafür den gemeinsamen Urlaub nach. Pias Töchter wären gerne in der Gaststube. Bei vielen Stammgästen würde für sie ein Eis oder sogar ein bisschen Trinkgeld abfallen.

Auch jetzt bringen die beiden Töchter Antonia und Paula ohne Beschwerde die Einkäufe ins Haus. Waschmittel, Toilettepapier, Zucker. Sie müssen mehrmals gehen. Pia trägt eine Kiste mit Bananen. Die holt sie extra für ihre Mutter jede Woche aus dem Supermarkt im Tal, weil sie weich sind und ihre Mutter Probleme mit den Zähnen hätte. Natürlich könnte sie auch Apfelmus essen, meint Pia, das wäre weniger umständlich. Im Garten vor dem Haus stehen etliche Apfelbäume. In der Speisekammer stapeln sich Kompottdosen, Saftflaschen und Musgläser. Aber nach 70 Jahren Äpfel einkochen „kann die Mama es auch nimmer sehen.“

Pia ist immer in Bewegung. Nach einer Kurzvisite in der Küche überquert sie den Hof in Richtung Forellenteich. Ihr Mann hat ihn vor wenigen Jahren angelegt. Letztes Jahr haben sie sogar eine Auszeichnung für die Qualität der Fische erhalten. Für Pia bedeuten sie noch mehr Arbeit. Neben den Kühen und den Hühnern, den Gästen und den Kindern. Sie zieht ihre Sandalen aus, schiebt den bodenlangen Rock nach oben und taucht einen Fuß in das kühle Wasser des Teichs. „Das ist fein“, seufzt sie.

Die Fischzucht wurde mit Hilfe von EU-Fördergeldern ermöglicht. Pia und ihr Mann sind mittlerweile Profis, was die Anträge betrifft. Das Internet hat ihnen dabei geholfen. Der Bergbauernhof verfügt bereits seit Jahren über einen Anschluss. Nur das WLAN fällt manchmal aus, wenn ein Gewitter über die Berge zieht.

Von Tagespolitik bekommen sie hier oben nicht viel mit, erzählt sie. Während der Kirchgang am Sonntag bei jedem Wetter absolviert wird, lassen sie die eine oder andere bundesweite Wahl schon auch mal aus. Die Kirche ist einfach näher als das Wahllokal im Tal. Nur bei Landtagswahlen würden sie alle gemeinsam die 45 Minuten über die Schotterstraße nach unten fahren. Jörg Haider hat die Stimmen der Familie nie bekommen. Sein Dialekt war ihnen zu aufgesetzt. Gerhard Dörfler hingegen stand in Pias Gunst ganz oben. Einer, der gerne wanderte, der mit der Natur verbunden schien, der sich nicht zu gut ist für die Leute. Das fand Pia sympathisch.

Die neue Dreierkoalition im Land betrachtet sie skeptisch. „Aber wir haben eh unsere Ruh heroben.“ Pia stört es nicht so abgelegen zu leben. Sie kennt es auch nicht anders. Sie ist am Hof aufgewachsen. Ihr Mann hingegen will immer öfter wegziehen. Er arbeitet in einem Holzbetrieb im Tal und sorgt sich um die Zukunft der Töchter. Gerne würde er den Hof aufgeben und nur noch halbjährlich das Gasthaus bewirtschaften. Aber Pia sperrt sich dagegen. Zumindest solange ihre Mutter noch lebt, will sie das Elternhaus nicht verlassen.

Nur einmal überkamen sie Zweifel. Die Zwillinge spielten als 4-jährige am Hof in der Nähe der Kuhweide und balancierten auf den Balken des Holzgatters. Da rutschte Antonia ab und fiel so unglücklich, dass ihr Kehlkopf auf dem Holzbalken aufschlug. Es war im Spätherbst. Der Rettungshubschrauber hätte aufgrund der Flugbedingungen zu lange gebraucht. Also packte Pia Kinder und Mutter ins Auto und raste ins Krankenhaus nach Villach. Während der fast eineinhalbstündigen Fahrt lief Antonia blau an und atmete nur noch stoßweise. Pia schüttelt sich. „Mir wird heut noch schlecht.“ Sie hatte Angst, dass das Kind die Fahrt nicht überleben würde. Damals dachte sie zum ersten Mal darüber nach, ins Tal zu ziehen.

Das Gatter gibt es nicht mehr. Stattdessen hält jetzt eine massive Holztür die Kühe vom Verlassen der Weide ab. Pias Blick fällt auf ihre Töchter, die kichernd im Schatten unter den Apfelbäumen auf der Wiese sitzen. Vielleicht gibt sie den Hof ja doch irgendwann auf. Wenn die beiden älter sind. „Aber“, sie blickt auf den Fischteich, die Wiese, den Wald, „ich wüsst nicht, was dort unten besser sein sollt.“

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