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Geschichten aus der alte Heimat

a job that made you crazy in a town you won’t miss
and the drunks you called friends were a means to an end
and this is the end
(Casiotone for the Painfully Alone – Bobby Malone moves home)

Gerhard (67), Betriebsrat a.D.

Drei Regale füllen sie. Die Pokale in der Vitrine in Gerhards Wohnzimmer. Ihr gegenüber liegt die Terrassentür und wenn die Abendsonne so wie jetzt ins Haus scheint, glänzt das polierte Messing wie Gold und Gerhard ist stolz. Das Herzstück seiner Sammlung steht jedoch einsam und allein, ganz oben auf dem massiven Buchenschrank. Es passt nicht in die schmalen Fächer. Betriebsmeister Eisstockschießen 1984 ist auf der kleinen Plakette des wuchtigen Pokals zu lesen. Damals gab es noch die Betriebsmeisterschaft. Und auch noch den Betrieb.

Rund 3000 Mitarbeiter beschäftigte das Unternehmen in seiner besten Zeit in Kärnten. Wer dort arbeitete, galt als privilegiert. Die Sozialleistungen konnten sich sehen lassen: kostenlose Zusatzversicherung für Mitarbeiter und deren Familien, firmeneigene Tankstelle, Weihnachtsgeld für die Kinder. Dazu ein günstiges Kantinenmenü mit drei Gängen für das ein eigener Koch angestellt war samt Küchenhilfen. Gerhard erinnert sich gerne an früher. Damals als er in seiner Funktion als Betriebsrat noch weitaus mehr Hände von Mitarbeitern zur Begrüßung beim Eintritt in die Firma schüttelte, als zum Abschied.

Gerhard ist Sozialdemokrat. Aus Überzeugung. Leopold Wagner, den längst verstorbenen Landeshauptmann, verehrt er noch immer. Ohne ihn hätte er als Arbeiterkind keine Chance gehabt, glaubt er.  Fünf Kinder waren sie zu Hause – zwei seiner Brüder leben nicht mehr – die Mutter Hausfrau, der Vater Maurer. Die Familie stammt aus einem kleinen Ort südlich von Klagenfurt. Hier hat auch Gerhard in den 1970er Jahren sein zweistöckiges Einfamilienhaus gebaut. Nicht weit entfernt vom Elternhaus. Die Obstbäume davor hat er selbst gepflanzt. Überhaupt, der Garten! Wenn die Rede auf die Kräuterbeete, die Oleandersträucher und die Blumen kommt, gerät er ins Schwärmen. Der Garten ist sein ein und alles, seit er in Pension ist. „Jetzt hab ich Zeit.“, sagt er und die Art wie er es sagt, lässt offen, ob er sich darüber freut.

Die Kirschen sind reif. Einige liegen unter den Bäumen im Gras verstreut. Gerhard hebt sie auf und reicht sie weiter. „Musst nur aufpassen, ein paar sind wurmig.“ Die große Ernte steht noch bevor, sobald seine Frau aus Klagenfurt zurückkommt. Wie jeden Sommer verbringt sie dort eine Woche, um auf die zwei Enkel aufzupassen und im Haushalt zu helfen. Die Schwiegertochter und sein Sohn sind beide berufstätig. Der Kindergarten bleibt im Sommer geschlossen. Sechs Wochen Ferien, das ginge sich auch abwechselnd für die Eltern nicht aus mit den Kindern.

Gerhard hält das für eine Schweinerei. Unsozial, sagt er. „Es gehört mehr für die Familien gemacht.“ Aber die meisten Politiker hätten heute sowieso keine Kinder mehr. Sein Sohn würde viel zu viel arbeiten, ebenso die Schwiegertochter, offiziell in einer Teilzeitstelle. Aber daran würde sich niemand halten. Überstunden würde man ihr als Zeitausgleich vergelten, den sie dann aber nie konsumieren könne, weil es zu wenig Personal in dem kleinen Betrieb gäbe. Betriebsrat hätten sie keinen. Gerhard atmet schwer. Er darf nicht daran denken, sagt er, sonst regt er sich zu sehr auf.

Gerhard spricht lieber von früher. Erzählt von den Grillfesten im Sommer, von Firmenausflügen aufs Kreuzeck und vom Rodeln auf der Schleppe Alm mit darauffolgender Einkehr in die gleichnamige Brauerei. Ein ganz anderer Zusammenhalt sei das untereinander gewesen als heute in den Firmen seiner Kinder. In den späten 90er Jahren schluckte schließlich der Wiener Mutterkonzern Gerhards Unternehmen. Die Geschäftsführung wurde nach Wien verlegt, das Personal halbiert. Viele durch Vorruhestände, einige kamen in Wien unter und müssten seitdem pendeln. „Arme Teufel“, seufzt Gerhard. Die Bundeshauptstadt ist ihm suspekt.

Den jüngeren Mitarbeitern riet man, die Firma zu verlassen. Die nicht mehr ganz jungen wurden gekündigt. Gerhard will nicht darüber sprechen. Gekämpft, beteuert er, hätte er um jeden Einzelnen. Auch um jene, die ihn nicht gewählt hätten. Und wie er da so sitzt mit geballten Fäusten und entschlossenem Blick, glaubt man ihm das auch. Eine schlimme Zeit wäre das für ihn gewesen, erzählt er. Die Ohnmacht gegenüber der neuen Geschäftsführung, die Existenzängste der Kollegen – das alles hätte er schon irgendwie verkraftet. Das Schlimmste aber, sagt er, war das Gefühl, dass alles woran er geglaubt hatte plötzlich nicht mehr zu zählen schien.

Heute ist die ehemalige Firmenzentrale in Klagenfurt großteils vermietet. Gerhard war nur einmal dort, um den alten Portier zu besuchen. Die Kantine gibt es nicht mehr. Stattdessen einen Big Billa direkt über der Strasse. Acht, neun Stunden arbeiten und dazwischen schnell ein Käseweckerl essen, meistens auch noch im Büro vor dem Bildschirm sitzend. Gerhard schüttelt den Kopf. „Unsozial.“

Gerhard trifft sich noch regelmäßig mit den Eisstockschützen vom Meisterteam 1984. Leider immer öfter auf Begräbnissen oder in Krankenhäusern. Er holt eine Flasche Apfelmost aus dem Keller, gebraut vom Bauern aus dem Nachbarort. Er spaziert oft zu ihm hinüber. Gerhard liebt die Gegend rund um sein Dorf. Überhaupt wüsste er keinen Winkel im ganzen Land, der nicht wunderschön wäre. Die Seen, die Berge, die Täler. Es tut ihm weh, dass Kärnten nur noch für Negativschlagzeilen taugt. All die Skandale, die „der Haider und seine Buben“ zu verantworten hätten. „Richtige Falotten!“, sagt er wütend und nimmt einen tiefen Schluck Most.

Mit dem neuen Landeshauptmann würde es besser werden, da ist er sich ganz sicher. Die Abschaffung des Pflegeregresses zum Beispiel rechnet er ihm hoch an. In ein paar Jahren hätte der seine Kinder vielleicht auch betroffen, weil – der rüstig wirkende Mann deutet gen Himmel – „schnell kanns gehen.“ Der Tag neigt sich dem Ende zu. Die Sonne wandert hinter die Berge und lässt die Pokale in Gerhards Wohnzimmer im Dämmerlicht zurück. Was wenn sich herausstellen sollte, dass auch der neue Landeshauptmann in Korruptionsfälle verwickelt sein sollte?Was wenn Kärnten pleite geht? Gerhard blickt nachdenklich in sein Mostglas. „Na“, sagt er schließlich, setzt es an die Lippen, trinkt es in einem Zug aus und stellt das leere Glas schwungvoll auf den Tisch. „Nit amal denken.“

One thought on “homestories #2

  1. Was mir so an Ihren ersten beiden homestories gefällt:
    Beim Lesen fühlt es sich an, als hätten Sie keine Minute an diesen Texten hart gearbeitet, sondern als seien die Sätze so ganz ohne Anstrengung entstanden, obwohl ich meine, dass es nicht ohne intensive Arbeit funktionieren kann, freue mich schon jetzt auf hoffentlich einige weitere.
    Großen Respekt auch für die wertfreie Darstellung der Protagonisten. Wird wohl an Ihrer Art des Befragens liegen, dass Sie die Leute so zum Erzählen bringen, Sie geben Ihnen offensichtlich das Gefühl, dass sie nicht ausgefragt werden und dass Sie die Gespräche nicht in eine bestimmte Richtung steuern wollen.
    Vielen Dank für interessante Momente.

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