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Geschichten aus der alte Heimat

hey Bobby Malone it’s good to have you home
so you tried your own route & it didn’t work out
well you’re not alone
(Casiotone for the painfully alone – Bobby Malone moves home)

Martina (35), Kassiererin

Am liebsten verbringt Martina die Mittagspause in der Sonne. Auch heute isst sie ihren Kornspitz auf dem Parkplatz hinter dem Supermarkt, wo es um diese Zeit kein Fleckchen Schatten gibt. Es hat 30 Grad, die Hälfte der Klagenfurter befindet sich längst im städtischen Strandbad. Martina stört die Hitze nicht. Sie ist verkühlt. Wieder einmal. Eine lästige Begleiterscheinung ihres Jobs an der Kasse des Diskonters. Im Winter zieht es durch die sich ununterbrochen öffnenden Schiebetüren auf ihren Platz. Im Sommer bläst die Klimaanlage direkt auf sie hinunter. Eine Zeit lang hat sie eine Strickjacke an der Kasse getragen. Aber das sieht der Filialleiter nicht so gerne. Der Stoff könnte ihr Namensschild verdecken und es ist wichtig, dass die Kunden wissen mit wem sie es zu tun haben.

Martina war es anfangs nicht so recht, dass man sie erkannte. Die Supermarktkassiererin, in Wahlzeiten das oft strapazierte weibliche Pendant zum „kleinen Mann“, gilt noch immer als Beruf mit geringem Status. Dabei ist der Job knochenharte Arbeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Periodisch wiederkehrende Sehnenscheidenentzündungen, Rückenprobleme vom Wareneinordnen, Nackenschmerzen vom verdrehten Sitzen und das sind nur die körperlichen Belastungen, mit denen Martina und ihre Kolleginnen zu kämpfen haben.

Sie erzählt von Milchpackungen, die auf dem Fließband ausrinnen. Gurkengläsern, die zu Bruch gehen. Von Leuten, die nicht bezahlen wollen. Von Kindern, die zum Bier holen geschickt werden und denen sie eigentlich nichts geben dürfte, es aber trotzdem tut. Von Kunden, die Aktionsschilder auf andere Ware umkleben. Dabei sei ohnehin alles so billig. Und von ehemaligen Mitschülern, die betreten zu Boden blicken würden sobald sie Martina erkennen. Oder grußlos durch sie hindurch.

Wennst nix lernst, landest noch beim Hofer an der Kassa! Immer und immer wieder hat die Deutschprofessorin diesen Spruch gepredigt. Martina hat immer gelernt. Die Hälfte ihrer Klasse verdankt ihren Soufflierleistungen ein positives Abschneiden bei mündlichen Lateinprüfungen, erzählt sie. In den Fächern, die ihr selbst Probleme bereitetet haben, half auch kein Einsagen. Deutsch und Englisch, zweimal negativ abgeschlossen in der Siebenten Klasse. Ein drittes Mal wiederholen wollte sie nicht und ging ab. Nach mehreren Gelegenheitsjobs und zwei Jahren Abendschule begann sie als Kassiererin zu arbeiten.

Martina ist zufrieden mit ihrem Job. „Auch wennst mir das jetzt nicht glaubst!“ Er bringt ihr monatlich rund 1500 Euro ein und sie kann sich ihre Dienste frei einteilen. Am Wochenende arbeitet sie fast nie. Das würden jeweils die neuen Kolleginnen übernehmen müssen. Die Fluktuation ist hoch, nur wenige sitzen schon so lange an der Kasse  wie Martina. Deshalb, erklärt sie während sie sich ihre Pausenzigarette anzündet, würden sich abseits der Arbeit kaum Freundschaften ergeben. Man schlichtet nebeneinander Joghurts ein oder hilft sich mit Kleingeldrollen aus. Man lächelt einander morgens und abends zu. Mehr hätte man nicht miteinander zu tun.

Martina interessiert sich nicht für Politik, sagt sie. Sie geht trotzdem regelmäßig zur Wahl. Einst gab sie Jörg Haider ihre Stimme – „eh so wie jeder damals“ – diesmal Peter Kaiser. „Er ist ein fader Zipf, aber Party haben wir eh genug gehabt.“ Die hoch subventionierte Event-Kultur in Kärnten besteht noch immer rund um den Wörthersee. Allein im Sommer liest sich der Veranstaltungskalender wie das Unterhaltungsprogramm am Ballermann: Beachvolleyballturnier, Ironman, Fete Blanche, GTI Treffen. Martina besucht nur die Fete Blanche in Velden, weil sie sich gerne ganz in weiß kleidet und weil man da immer noch ein paar Prominente sieht. Obwohl, sie schüttelt den Kopf, „es ist nimmer wie früher.“

Die Korruptions-Skandale der letzten Jahre scheinen auch den Partyglamour gekostet zu haben. Die hohe Pro-Kopf-Verschuldung im Land, die Arbeitslosenzahlen – all das drückt auf die Stimmung. 28 Schüler zählte Martinas Klasse zum Zeitpunkt ihres Abgangs, nur fünf davon leben heute noch in Kärnten. Alle anderen haben das Bundesland verlassen. Von den Verbliebenen hat sie als einzige einen fixen Job, erzählt sie nicht ohne Stolz. Überhaupt weiß sie erstaunlich gut Bescheid über die Biographien ihrer ehemaligen Mitschüler. Drei der fünf hätten Kinder bekommen und würden sich hauptsächlich um ihren Nachwuchs kümmern. Einer ist Kellner, „aber nur in der Saison.“ Und der Fünfte würde manchmal im Betrieb seiner Eltern mithelfen, sonst sei er „viel unterwegs rund um den See.“

Martina tötet ihre Zigarette aus. Der Nachmittagsdienst an der Kasse verläuft im Sommer meist ruhig. „Weil alle am See sind.“ Hie und da käme eine Gruppe Kinder vorbei, um ein Eis zu kaufen. Die Eistruhe steht nicht weit von der Kasse entfernt. Martina lächelt. Sie beobachtet die Kinder gerne. Irgendwann will sie vielleicht auch noch eines bekommen, „wenn alles ein bisserl besser wird.“ Ob sie das bisschen der neuen Landesregierung zutraut? Sie zuckt mit den Schultern und geht zurück in den Diskonter, um die letzten Stunden abzuarbeiten bis sie für heute zusammenpacken und auch ins Bad fahren kann. Ein wenig Sonne tanken für den nächsten Tag direkt unter der Klimaanlage.

 

3 thoughts on “homestories #1

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