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Perspektivenwechsel kann man sich nicht selbst verordnen. Sie passieren einem. Meist ohne Vorwarnung. Und dann sind sie unwiderrufbar.

Am 21. Februar ist mein Großvater gestorben. 10 Tage später hatte mein Vater einen schweren Unfall, von dem er sich nicht mehr erholen wird.

Ein paar Tage danach musste ich zu einem Interview. Der Termin war lange ausgemacht, die Gesprächspartnerin schwer zu bekommen gewesen. Das Interview fehlte mir noch für eine Sendung, die dringend fertig werden musste. Eine von denen, die sich mit einer anderen terminlich überschneiden würde. Die ich aber trotzdem angenommen habe. Weil ich das Geld brauchte. Weil es sich sonst wieder nicht ausgehen würde. Aber auch weil mir das Thema wichtig war. Weil ich unbedingt darüber berichten wollte. Weil ich Journalistin war. Diese Glaubenssätze haben damals noch funktioniert. Sie kamen automatisch ohne dass ich nachdenken musste. Sie waren jederzeit abrufbar und Teil meiner Identität. Beschreiben Sie sich in drei Worten. Das ging lange Zeit ganz gut. Das schaffte Sicherheit und beruhigte.

Das Interview war das schlechteste meines Lebens. Ich bin ständig abgeschweift, konnte mich an die Fragen trotz Notizen nicht erinnern und hab es schließlich abgebrochen. Das war Tag 1 einer neuen Zeitrechnung. Danach hab ich eine Tasche gepackt, die Sendung verschoben und bin endgültig nach Hause gefahren. An einen Ort, den ich vor 17 Jahren sehr überstürzt verlassen hatte.

Nun pendle ich wieder regelmäßig. Das Leben findet in einem Zwischenraum statt, der sich nicht in drei Worten beschreiben lässt. Auch nicht in dreißig oder dreihundert. Aber in 24 Bildern pro Sekunde geht das. So kann man sich Gefühlen nähern, die einen nicht mehr loslassen. Denn wenn jemand Fragen nicht beantwortet, werden sie oftmals zu den eigenen. Wenn es der eigene Vater ist und er sie nicht mehr beantworten kann, erst recht. Im Journalismus hat das Persönliche meist keinen Platz und das ist im Sinne der Objektivität – audiatur et altera pars – auch gut so. Beim Film ist es die Grundvoraussetzung, vor allem beim Autorenfilm. Subjektivität bedeutet hier Intensität.

Der Tod ist in Österreich salonfähig. Das Sterben ist es nicht. Wenn Sie das nächste Mal bei einer Pressekonferenz oder einem Branchentreffen jemanden loswerden wollen, empfehle ich als Gesprächsthemen den Alltag auf der Intensivstation oder eine Diskussion über Sterbehilfe. Dann haben Sie verlässlich Ruhe. Es gibt aber auch das Gegenteil. Menschen, die einen trösten obwohl man es sich niemals von ihnen erwartet hätte. Oft weil sie dasselbe erlebt haben. Oder einfach abseits von Terminstress und Tagespolitik existieren, eben Menschen sind.

Ein wunderbares Gedicht von Hölderlin  hat den Titel Das Unverzeihliche. Die Aufzählung der Untaten, die man nicht begehen sollte beginnt nicht von ungefähr mit Wenn ihr Freunde vergesst. Ich habe meine in den letzten Jahren oft vergessen. Terminstress, Tagespolitik, falsche Glaubenssätze. Sie haben mir verziehen. Wie auch in dem Gedicht beschrieben, vergeben und vergessen. Und eigentlich braucht es nicht viel mehr um sich besser zu fühlen als alte Freunde, die akzeptieren dass man gerade keinen Plan hat. Dass man nicht funktioniert. Dass man nur soweit am Alltag teilnimmt wie man gerade kann. Denen die ehrlichen Zweifel lieber sind als die gespielte Tapferkeit. Ich bin sehr froh, dass diese Freunde wieder ein Teil meines Lebens sind.

Alles andere hat jetzt mal Sendepause.

4 thoughts on “Sendepause

  1. Grad ein wenig sprachlos und beeindruckt. Was ich rauslese: first things first. Und damit liegen Sie wohl kaum falsch. Schon gar nicht, wenn „man selbst“ und Freunde die „first things“ sind.
    Jedenfalls wünsche Ihnen von Herzen alles Gute für die Zukunft.

  2. Beim Lesen „Gänsehaut“ bekommen. Ich kann all Ihre Gefühle nachempfinden.
    Ein Bekannter von mir arbeitete jahrelang in der Musikr. bei Radio Steiermark. Er hatte den Druck von aussen nicht mehr bewältigt, wurde krank und findet bis heute keinen Job mehr. Das Schönste an Ihrer so berührenden Lebensgeschichte ist, dass Sie einen Weg zu Ihren Freunden gefunden haben und die Sie aufgefingen. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Glück der Welt. Geben Sie sich Zeit, um wieder Kraft und Vertrauen in das Leben zu finden. Alle guten Wünsche für die Zukunft.
    Liebe Grüße
    Dagmar

  3. Das schmerzt schon beim Lesen als Fremder sehr, ich will mir gar nicht vorstellen wie es als Betroffener ist. Ich hoffe es bleiben keine Narben (außer die kleinen die beim Erinnern helfen).

    Für Gegenwart und Zukunft wünsche ich nur das Beste.

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