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Ein junger Kollege hat sich den Frust über ein nicht zustande gekommenes Praktikum beim ORF von der Seele geschrieben. In seinem emotionalen Blog-Eintrag begeht er jedoch einen weit verbreiteten Denkfehler unter jungen KollegInnen: Er erhofft sich eine Zukunft im ORF. Die gibt es aktuell nicht.

Vor ein paar Wochen ereignete sich im Funkhaus frühmorgens vor einer Aufnahme folgende Szene: Eine Glühbirne in einem der Studios war ausgefallen. Der Sprecher, ein Freier Mitarbeiter wie beinahe alle SprecherInnen im Haus, meldete den Vorfall ordnungsgemäß. Während wir gemeinsam auf den Techniker warteten, brütete er vor sich hin und erging sich in düsteren Prophezeiungen: Bin gespannt, ob wir wirklich eine neue Glühbirne kriegen! Würd mich nicht wundern, wenn die bei uns jetzt auch nimmer nachbesetzt werden!

Nun waren seine Befürchtungen in diesem Fall unbegründet. Neue Glühbirnen gibt es noch im ORF. Neue Anstellungen in Redaktionen hingegen nicht mehr. Schon viel zu lange nicht mehr. Bei ständig wachsendem Programm, neuen Sendern und dem Ausbau des Internetangebots sind immer weniger Menschen fix in den Redaktionen des Hauses beschäftigt. Das Sparprogramm samt Golden Handshakes zeigt seine Wirkung. Darüber jubeln vielleicht Controller. Die noch verbliebenen RedakteurInnen hingegen sind längst bis über ihre Grenzen hinaus belastet. Selbst unter den Freien, die zu einem viel zu geringen Lohn mittlerweile große Teile des Programms stemmen, gibt es in der Grippezeit bei vermehrten Krankheitsfällen ernsthafte Engpässe. Wir sind also am Limit, wie ja auch der Betriebsrat angesichts von weiteren Einsparungsplänen nicht müde wird zu betonen.

Inmitten dieser Situation wurde nun die jährlich stattfindende ORF Akademie offenbar abgesagt. Die Gründe dafür kenne ich nicht. Aber die Absage hat den jungen Bewerber, der sich sorgfältig vorbereitet hat, nachdrücklich deprimiert. Er hätte gerne für den ORF gearbeitet und hat sich wohl euphorisch eine Zukunft im größten Medienunternehmen des Landes ausgemalt. Vielleicht nach ein, zwei Jahren als Redakteur mal moderieren zu können, um eines Tages – man wird ja noch träumen dürfen – ein zweiter Armin Wolf zu werden. Eben dieser hat sich jedoch offenkundig über den wütenden Blogeintrag des jungen Beinahe-Kollegen geärgert wie hier nachzulesen ist.

Nun ist Armin Wolf als Journalist unbestritten ein Guter und eigentlich ein wirklich netter Kerl. Was hat ihn also so empört? Der Tonfall des Nachwuchs-Journalisten ist ein wenig rau und fordernd führt er ins Treffen. Weiters erregt den Anchorman, dass er aus dem Text heraus zu lesen glaubt, der junge Mann stelle eine Art selbstverständlichen Anspruch an den ORF von ihm beschäftigt zu werden. Hybris der Jugend? Nicht unbedingt. Er hat sich für ein Bewerbungsgespräch eines Jobs akribisch vorbereitet, den es nun doch nicht gibt. Kann natürlich passieren, ist aber trotzdem ärgerlich. Der Ärger mag sich bei einem gebührenfinanzierten Unternehmen wie dem ORF potenzieren, weil die Menschen sich durch die Bezahlung der Gebühren oft als MitbesitzerInnen des Senders fühlen. Dieses Phänomen kennen wohl alle ORF JournalistInnen aus diverser HörerInnen- bzw. SeherInnen-Post. Vielleicht rührt daher der besondere Unmut des jungen Jobanwärters.

In einem Punkt sind sich jedoch beide Autoren auf den zweiten Blick einig. Sowohl der gekränkte Nachwuchsjournalist, als auch der echauffierte Routinier beklagen die fehlende Möglichkeit, im ORF junge Leute arbeiten zu lassen. Und zwar fix, abgesichert und für längere Zeit. Armin Wolf berichtet von einem exzellenten Praktikanten, den er nach Hause schicken musste, weil er keinen Job für ihn hat. Der junge anonyme Blogger ist wütend darüber, erst gar keine Chance im Haus bekommen zu haben.

Vielleicht hätte er vor seiner Bewerbung mit einem oder einer der vielen Freien MitarbeiterInnen im Haus reden sollen. Die sind alle ausgezeichnet in ihrem Job, gut ausgebildet, Social Media-affin und viele bereits seit Jahren mit ungebrochenem Engagement beim ORF beschäftigt. Und haben trotzdem aktuell eine ungewisse Zukunft im Haus. Seit ich hier arbeite, habe ich noch nie gehört oder gar selbst beobachtet, dass einer meiner KollegInnen in einer Redaktion fix angestellt wurde. Hie und da ergattert jemand eine Karenz-Vertretung und im Fernsehen gibt es vereinzelt befristete Verträge. Aber all diese Arrangements gelten höchstens ein Jahr und werden nicht verlängert oder gar in eine fixe Anstellung verwandelt.

Dass daran die „Alten“ mit ihren Verträgen Schuld sind, kann man ganz einfach widerlegen. Selbst wenn KollegInnen den Golden Handshake akzeptieren oder aus anderen Gründen aus dem Unternehmen scheiden, werden ihre Posten nämlich nicht mit jüngeren KollegInnen nachbesetzt. Dabei brächten all diese Leute Impulse und Ideen ein, die ein Medienunternehmen wie der ORF dringend brauchen könnte. So wälzen einige meiner Freien KollegInnen seit geraumer Zeit Pläne für innovative Medienprojekte, bilden sich in investigativem Journalismus weiter, schmieden Konzepte für bessere Community-Bindung einzelner Sendungen usw. Mit einem Wort: sie wollen etwas verändern. Doch genau diese Leute sprechen immer öfter davon zu gehen, sich schon nach etwas Neuem umzusehen. In einem anderen Medium, in dem man den Input junger, engagierter RedakteurInnen schätzt. Weil sie ganz gerne von ihrer Arbeit leben möchten. Und das ist beim jetzigen Honorarkatalog für Freie MitarbeiterInnen nur sehr schlecht möglich.

Dem ORF kommt sein Nachwuchs also langsam aber sicher abhanden. Und das ist für ein Medienunternehmen, das am Puls der Zeit bleiben sollte, dramatisch. Daran sollten die Stiftungsräte vielleicht einmal denken, wenn sie wieder betonen, dass die Lösung für die jungen Freien MitarbeiterInnen „aufkommensneutral“ sein müsse. Sprich: nichts kosten dürfe. Sonst wird man sich in ein paar Jahren um den Nachwuchs im ORF wirklich keine Sorgen mehr machen müssen. Spätestens wenn er gänzlich zur Konkurrenz abgewandert sein wird. Dann wird das Aufkommen von jungen RedakteurInnen beim größten Medienunternehmen des Landes tatsächlich neutral sein.

7 thoughts on “Aufkommensneutral

  1. sind die spitzengehälter der oberen etagen wirklich gerechtfertigt? was verdient z.b. der kauderwelsch stammelnde, ohne wortwitz und übermäßiger bildung ausgestattete armin assinger? übrigens eine ungeheuerlichkeit: die orf gebühr ist im voraus zu bezahlen!

  2. Es ist doch grundsätzlich ein Unterschied, ob jemand eine Absage bekommt, weil andere Bewerber qualifizierter waren, oder ob ihm abgesagt wird, weil dem ORF plötzlich auffällt, das für das Traineeship überhaupt kein Geld da ist und allen Bewerbern deswegen abgesagt werden musste. Über die finanzielle Situation muss sich die HR Abteilung doch im Voraus im Klaren gewesen sein, sodass überhaupt keine Ausschreibung hätte stattfinden dürfen. Die Bewerber haben Zeit und Energie in ein Projekt gesteckt, das von Beginn an zum Scheitern verurteilt war und wovon die Verantwortlichen wussten. Dazu fällt mir nur ein Wort ein: Verarsche.

  3. Pingback: Sehr geehrter Hr. Wolf, | leonhardsteinmann

  4. Sie schreiben: „Sonst wird man sich in ein paar Jahren um den Nachwuchs im ORF wirklich keine Sorgen mehr machen müssen. Spätestens wenn er gänzlich zur Konkurrenz abgewandert sein wird.“

    Nur: Zu welcher Konkurrenz denn abwandern? Bei all der Diskussion um die ORF-Freien wird allzu oft außer Acht gelassen, dass es den Freien anderer Medien nicht besser geht, im Gegenteil, schlechter sogar. Als Print-(oder Online-)Freier z.B. ist es unmöglich, über die Runden zu kommen!
    ORF-intern vernetzt es sich schneller. Es sollten sich mal alle auf ein Packl hauen!

  5. Die prassen und wir blechen und Ihr steht auf der Straße!
    Bei der Mauschelei bekommt der
    Stiftungsrat 350.000 Euro für den ORF-General,
    250. 000 für Direktoren und rund
    180.000 für Landesdirektoren,
    seither mit der Inflation valorisiert auf rund 400.000 abwärts.
    Dazu 15 Prozent Erfolgsbonus.

    Toll wenn man den Chefs mehr zahlt damit
    Sie den Kleinen etwas wegnimmt oder rausschmeißt.

    Noch Fragen zum Personalabbau?

  6. Pingback: sabur-randers.com | Wenig Chancen für Junge – Weiter Kritik nach Absage der ORF-Akademie

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