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Randnotizen 22.10.2012, 14:40h, Ö1. Moment. Leben heute

„Ich hätte gern ein anderes Zimmer.“ Die Rezeptionistin blickt auf. Ein unwilliger Zug erscheint um ihren Mund. Sie ist Anfang 20 und spricht nicht gerne mit Menschen, die sie nicht interessieren. Und der Gast vor ihr interessiert sie ganz und gar nicht. Eine Frau Ende 40, helles kurzes Haar, randlose Brille. Dahinter dunkelblaue Augen, die durch die starken Gläser etwas kleiner wirken.

Die Rezeptionistin blickt auf den Bildschirm vor sich. Er steht etwas tiefer und zwar exakt so, dass man von gegenüber keine Einsicht darauf hat. Sonst hätte die Frau erkennen können, womit die Rezeptionistin die vergangene Stunde verbracht hat. Mit dem Ordnen ihrer Urlaubsfotos auf Facebook. Bilder, die eine lebenslustige junge Frau zeigen. An den vollen Stränden von Rimini in einem gelben Bikini, der mit ihrem Sonnenbrand um die Wette leuchtet.

Die Rezeptionistin schließt die Seite schnell mit einem geübten Mausklick und öffnet die Zimmerdatei des Hotels. „Name?“ Die Frau antwortet, ihre Stimme klingt belegt. „Gschwandtner. Zimmer 114.“ Sie wartet. Es ist ihr sichtlich nicht wohl dabei.

Ihr Blick wandert zur Eingangstür, dann weiter durch die Lobby, die betont kühl eingerichtet ist. Eckige Polstersessel treffen auf die Kanten eckiger Couchtische. Alles in dunklen Erdfarben gehalten, korrespondierend mit den mahagonifarbenen Holzwänden. Die gewollte Modernität der Möbel passt nicht zu den Gästen. Diese verlieren sich in ihrer überschaubaren Zahl in dem großen Raum rund um den schwarzen Flügel, der unbesetzt ist. Der Pianist wurde schon vor Monaten entlassen. Das Hotel ist schlecht gebucht. Schon seit der Eröffnung kaum je ausgelastet. Der Bürgermeister hat sich verspekuliert und nicht auf seine Berater gehört. Ein Designhotel in einer Kleinstadt am Ende der Welt ohne Spa Bereich interessiert heutzutage niemanden mehr.

Der Frau ist das ganz recht. Sie hat auf so wenig Zeugen wie möglich ihres kleinen Abenteuers gehofft. Umso nervöser betrachtet sie nun die Rezeptionistin, die sich durch die Buchungsdateien klickt. „Worum handelts sich?“ Die Frau versteht nicht. „Was ist das Problem mit dem Zimmer?“ Die Frau kaut verlegen auf ihrer schmalen Unterlippe. „Würd ich Ihnen lieber selbst zeigen.“ Die Rezeptionistin nickt. „Ich komm gleich.“

Sie macht keinerlei Anstalten aufzustehen. Die Frau streicht hilflos ihren schwarzen Strickmantel glatt. Strick ist modern, schmeichelt ihren Kurven trotzdem nicht. Sie nimmt auf einem der eckigen Polstersessel Platz und blättert in einer bunten Tourismusbroschüre. Diese zeigt die Sehenswürdigkeiten der Kleinstadt und ist schon etwas abgegriffen. Die Seite mit den lachenden Kindern vor dem örtlichen Puppenmuseum ist eingerissen.

Die Frau blickt auf. Das Geräusch der sich öffnenden Schiebetüren im Eingangsbereich hat sie aufschrecken lassen. Ein Mann betritt die Lobby. Glatze, dunkle Augen, Brille, bodenlanger Mantel. Die Frau wendet sich enttäuscht ab. Der Mann grüßt die Rezeptionistin. „Krieg ich noch ein Bier?“ Die Rezeptionistin nickt wenig begeistert und erhebt sich widerwillig von ihrem schwarzen Drehsessel.

Sie studiert eigentlich Marketing an der örtlichen Uni. Kolleginnen, Freundinnen und ihre Mutter haben ihr zugeredet, den Job als Sprungbrett zu sehen. Als Chance spannende Leute kennen zu lernen und wichtige Kontakte zu schließen. Nun, ein halbes Jahr später, springt sie nicht mehr. Sie schlurft eher, so weit das ihre hohen Absätze erlauben. Ein wenig Trinkgeld und nur eine einzige Visitenkarte haben ihr das Dauerlächeln und das Überstunden machen an der Bar eingebracht. Die Visitenkarte gehörte einem Agenturchef in der Hauptstadt, der von einem Praktikum gesprochen hat, das jedoch bereits vergeben war, als sie im neuen Kleid, frisch vom Friseur dort ankam. Die Frisur hat sie einen Tageslohn gekostet, das Kleid eine Woche lang ihr Abendessen, so eng war es geschnitten. Die Fahrtspesen wurden ihr wenigstens ersetzt.

Die Rezeptionistin seufzt. Sie holt den Generalschlüssel aus der Schublade. Sie nickt der Frau auffordernd zu, die übereifrig aufspringt und sich das Knie am Couchtisch stößt. Die beiden gehen zum Lift. Die Rezeptionistin drückt auf die Eins. „114. Ein Doppelzimmer?!“ Die Frau nickt schuldbewusst. Kurz hat sie das Gefühl, man würde ihr ansehen, dass sie eigentlich der Einzelzimmertyp ist. Die Rezeptionistin sieht ihr jedoch gar nichts an. Sie mustert ihre Fingernägel. Die sind lang, rot, perfekt manikürt. Und haben eigentlich den kritischen Blick nicht verdient. Die Frau betrachtet verstohlen ihre Hände. An ihren Nägeln gäbe es einiges zu kritisieren. Kurz geschnitten, das Nagelbett an manchen Fingern eingerissen, die Haut rau und um die Fingerknochen leicht gerötet. Hände, die für nichts anderes gedacht waren als zu tippen und manchmal abends Gemüse klein zu schneiden.

Der Lift erreicht den ersten Stock. Die Rezeptionistin und die Frau gehen nach links. „Haar Conditioner. Das hilft.“ Die Frau versteht nicht. Die Rezeptionistin deutet auf ihre Hände. „Ganz normale Pflegespülung. Einfach auf die Nägel schmieren. Bringts total.“ Die Frau bedankt sich verblüfft. Die Rezeptionistin lächelt. Ganz leicht. Dann öffnet sie die Tür.

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