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Randnotizen, 8.10.2012, 14:40h, Ö1, Moment. Leben heute

Oskar, fall nicht! Tönt es durch den Gastgarten. Oskar ist 3, vielleicht 4 Jahre alt. Blond, etwas tapsig auf den Beinen, trotzdem ungestüm. Das gelbe Bärenpflaster an seinem Kinn und die Kratzer auf seiner Stirn zeigen: er ist schon oft gefallen.

Die Kellnerin kommt zum Tisch. Es geht ans Bestellen. Oskar soll einen Kakao nehmen, rät die Oma. Oskar will nicht. Einen Tee vielleicht fragt die Mutter. Nein! Die Freundin der Mutter probiert es mit einer Limonade. Oskar schüttelt den Kopf. Will er nicht.

Die Kellnerin seufzt. Sie wirkt müde. Der Gastgarten ist voll. Er war es den ganzen Tag. Der letzte sonnige Herbsttag. Das Sommerpersonal ist längst entlassen. Die Kellnerin allein zuständig für die rund 20 Tische. Ungeduldig klopft sie mit dem Stift auf ihren Block. Oskar ist das egal. Er will ein Eis. Gibt es nicht mehr. Die Eistruhe ist schon abgebaut.

Kastanien fallen von den Bäumen über dem Pavillon. Hie und da hört man eine auf dem Steinboden aufschlagen. Laub dämpft den Aufprall. Es liegt überall. Auf den Tischen, dem Boden, zwischen den Stühlen. Manchmal verheddert sich eines der Stuhlbeine darin. Wenn die Gäste aufstehen, um zu gehen. Oder zu zahlen. Die Kellnerin ist heute immer zu spät dran, kommt nicht. Auch nicht auf wiederholten Zuruf. Das kostet sie viel Trinkgeld.

Am letzten Tisch, ganz hinten im Garten sitzen ein Mann und eine Frau vor ihren leeren Gläsern. Die Frau raucht. Sie beobachtet ihre Zigarette, ihre Fingernägel, auf denen der rote Lack schon etwas abgeblättert ist. Ihr Blick wandert über den Tisch. Sie putzt etwas Asche von der weißen Tischplatte. Dann sieht sie zu Boden. Und wieder auf ihre Zigarette. Sie blickt überall hin, nur nicht dem Mann ihr gegenüber in die Augen. Sie sind dunkelbraun. Ihr Blick ist tränenverschleiert. Und starr. Er ist auf die Frau gerichtet. Die jetzt die Zigarette austötet.

Der Mann schnieft. Nicht verschnupft. Er wirkt nicht krank. Eine Träne ist ihm ins Nasenloch geronnen. Oder sehr knapp daran vorbei. Nah genug, um die empfindlichen Härchen in seinem Nasenloch zu reizen. Die Frau blickt kurz auf. Ihre Blicke treffen sich. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann weicht sie wieder aus. Holt einen kleinen weißen Filter aus dem Säckchen. Ihre Hände zittern.

Oskar meldet sich im Hintergrund zu Wort. Vor ihm türmen sich eine Tasse Kakao mit ansehlicher Schlaghaube, ein Glas Limonade und ein Kuchen. Oskar will aber keinen Kuchen. Keine Limonade und erst recht keinen Kakao. Er will ein Glas Wasser.

Die Kellnerin bewegt sich bewusst in die andere Richtung. Nur fort vom Tisch mit Oskar und seinen Frauen. Bald ist es 18 Uhr. Letzte Runde. Dann kann sie endlich heim. Die Füße hoch lagern. Den Kopf auf das neue Massagekissen legen. Ein Glas Wein trinken. Und diesen letzten sonnigen Herbsttag vergessen. Ab morgen ist schlechtes Wetter angesagt. Dann ist endlich Schluss mit dem Gastgartenbetrieb. Die Stühle werden zusammengestellt. Die Tische eingeklappt und aneinander gekettet. Das Laub zusammengekehrt. Die Stoffmarkisen des Pavillons eingefahren. Die kleinen rostigen Kurbeln quietschen dabei. Die Kellnerin mag dieses Quietschen am Ende des Sommers. Sie freut sich schon heute darauf. Es ist das Signal für den Innenbetrieb. 7 Tische, eine Theke, weniger Gäste, weniger Auswahl. Nur Heißgetränke und ein paar Mehlspeisen. Schwarzwälderkirsch, Apfelstrudel, Topfenstrudel. Im Winter ist kaum Betrieb. Niemand kommt wegen der Aussicht auf den kahlen Garten. Oder wegen der Schwarzwälderkirsch. Die ist nicht einmal selbst gemacht, sondern wird morgens aufgetaut. Kirschen und der Teig bleiben matschig. Die Kellnerin seufzt sehnsüchtig während sie Oskar sein Wasser bringt. Sie stellt das Wasserglas beinahe freundlich vor Oskar auf den Tisch.Der will es nicht mehr. Er will gar nichts mehr trinken. Er will spielen und schreit.

Der Blick des Mannes löst sich in diesem Moment von der Frau. Er ruht auf Oskar. Um die Lippen des Mannes zuckt es. Lächelt er? Endlich sieht die Frau ihn an. Er bemerkt es nicht. Die Frau studiert sein Gesicht. Die feuchten ernsten Augen. Die schmale gerade Nase. Die dunklen Bartstoppeln um den Mund. Der Mann fährt sich über den Kopf. Er seufzt. Er sieht die Frau an. Sie blickt sofort zu Boden. Er steht auf. Sein Stuhl verheddert sich im Laub. Der Mann stolpert. Er geht. Die Frau sieht ihm nach.

Oskar, fall nicht! Tönt es durch den Gastgarten. Oskar ist aufgesprungen, ausgerutscht und hingefallen. Der Mann verlässt den Gastgarten. Die Frau beginnt zu weinen.

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