Niko Pelinka und die rappenden Blockstars haben etwas gemeinsam: sie sind umgeben von schlechten Mentoren
Ein junger Mann taumelt verwirrt über die verschneiten Wiesen eines Bergbauernhofes. Er hat seine Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, die Hände in den weiten Hosen. Daniel, 25, geht es nicht gut. Er murmelt unzusammenhängende, wirre Wortfetzen vor sich hin. Etwas abseits stehen seine Kollegen. Hilflos. Einer schüttelt den Kopf. “Ey, der spinnt der Alte.”
Daniel ist Kandidat in der ORF Show Blockstars. Von der ersten Folge an ist der hagere junge Mann aus Oberösterreich aufgefallen. Durch coole Sprüche und unangepasstes Verhalten. Während die anderen auf klassische gruppendynamische Parolen wie “Einer für alle!” etc. eingeschworen wurden, tanzte er immer wieder aus der Reihe. Kam und ging, wann er wollte, machte beim Aufräumen der Show-WG nicht mit, verließ das Projekt, um wenig später ohne Erklärung wieder zurück zu kehren. Nicht lange und er war der offizielle Buhmann der Show, der “Asoziale” wie ihn die anderen gerne titulierten.
Nun ist das durchaus Teil des Konzepts der Sendung: Der Berliner Rapper Sido wählte absichtlich sozial benachteiligte Jugendliche aus, um ihnen “eine Chance zu geben”. Sido wiederholt diesen Satz in jeder Folge der Show. Ein etwas zweifelhaftes Mantra der Hilfsbereitschaft. Denn Sido mag ein talentierter Rapper und amüsanter Showmaster sein, Sozialarbeiter oder Psychologe ist er keiner. Gerne mimt er indessen bei den Blockstars den väterlichen Freund. Gewürzt mit einer Prise Größenwahn (“Sido ist Gott”) vermittelt er den Kandidatinnen und Kandidaten gekonnt, er würde ihnen zu einem neuen, besseren Leben verhelfen. Dabei war nicht nur für Kenner des Musikgenres von Anfang an klar, was mittlerweile jede/r aufmerksame ZuseherIn des Formats verstanden haben müsste: der einzige, dem die Show hilft, ist Sido selbst.
Er gewinnt noch mehr Medienpräsenz, verkauft vielleicht noch ein paar zusätzliche Konzerttickets oder Tonträger seines neuen Albums. Und ganz gleich wie die anvisierte “große Karriere” der Blockstars tatsächlich verlaufen wird: Sido bleibt Sido. Ein erfolgreicher, gut situierter Rapper. Sein Status innerhalb der Branche war und ist keine Sekunde durch die ORF Show gefährdet.
Same time, same station: Ein paar Türen weiter vom Produktionsbüro der Blockstars sitzt dieser Tage Alexander Wrabetz den größten Konflikt seiner gesamten Amtszeit aus. Sein voreilig publik gemachter Wunsch, Niko Pelinka zu seinem neuen Büroleiter zu machen, hatte eine ungeahnte Welle des Protests zur Folge. Und ein Ende ist noch lange nicht abzusehen.
Innerhalb des Hauses formiert sich seit Wochen durchaus ernst gemeinter und ernst zu nehmender Widerstand gegen die Personalentscheidung des Generaldirektors. Quer durch alle Redaktionen des Hörfunks und des Fernsehens werden die Stimmen immer lauter, die Wrabetz’ Wahl kritisieren. Seinen Rücktritt fordert jedoch kaum eine/r. Eines scheint klar: Alexander Wrabetz ist und bleibt Generaldirektor. Egal, wie und ob die Bestellung von Niko Pelinka über die Bühne gehen wird.
In einer Sache ähneln sich der smarte Generaldirektor Wrabetz und der coole Rapper Sido also durchaus: beide bleiben in ihren Machtpositionen unantastbar, während sie den Ruf und die Karriere ihrer Schützlinge riskieren.
Natürlich enden die Ähnlichkeiten zwischen Blockstar Daniel und dem Ex-Stiftungsrat Pelinka bei ihrem Alter: beide sind 25. Sowohl, was soziales Umfeld und Werdegang betrifft, haben sie nichts gemeinsam. Außer dass sie augenblicklich schlecht beraten sind. Von Mentoren, die sich als unverantwortlich, weil nur sich selbst gegenüber verpflichtet präsentieren.
Im Falle von Blockstar Daniel hat dies bereits dramatische Konsequenzen. Der junge Nachwuchsrapper “spinnt” nämlich nicht. Der ehemalige Drogenabhängige hat aufgrund des Stress zuviele Drogenersatzmittel geschluckt, die ihm eigentlich dabei helfen sollten, seine Sucht zu bekämpfen. Nun hat auch Sido ein Einsehen und schickt ihn, wie er in der Sendung und in einem Österreich-Interview verkündet, auf Entzug. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Schaden für den jungen Mann aber bereits beträchtlich. Denn wer wird den Arbeitssuchenden später einstellen, ohne an jene Bilder denken zu müssen, die ihn minutenlang in der Nahaufnahme während einer schweren psychischen Krise zeigten?!
Die Kameras abzuschalten war für seinen Mentor keine Option. Ebensowenig wie Alexander Wrabetz es dieser Tage für notwendig hält, das Angebot von Niko Pelinka, dessen Bewerbung zurück zu ziehen, anzunehmen. Und sei es nur aus Rücksicht auf den um Jahre jüngeren.
Der Erfolg, heißt es, hat viele Väter. Das Fiasko um Daniel und Pelinka hat vor allem schlechte.
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